Heute kein Optimismus, denn das Weltbild wird immer düsterer. Vorsichtige Anleger sind ohnedies längst investiert.
Zuversichtliche Börsenprofis halten von Hause aus an ihren positiven Ausblicken fest – wenn auch mit Einschränkungen. Ich gehe davon aus, dass Sie bereits breit diversifiziert sind, geschätzte Privatanleger. Deshalb liegt es nahe, ein hohes Maß an Vermögenssicherheit anzustreben. Verdrängen Sie nicht die globalen Kriegsgefahren! Fraglich ist mittlerweile auch, dass demokratische Regierungen dauerhaft an der Macht bleiben werden.
Dennoch: Wird alles wieder gut?
Gleichwohl greife ich im Folgenden in Auszügen auf eine neue Analyse von Allianz Global Investors zurück, die Raum für Optimismus lässt.
Nach dem Beginn der Kriegshandlungen im Iran wirken die Kapitalmärkte erstaunlich gefasst: Obwohl die Energiepreise stark schwanken und sich auf einem erhöhten Niveau bewegen, und die geopolitische und geoökonomische Unsicherheit hoch bleibt, haben sich vor allem die risikobehafteteten Vermögensklassen Aktien und Unternehmensanleihen gut behauptet. Ist dieser Optimismus belastbar – oder verkennt er potenzielle Risiken?
Wie können die Marktbewegungen interpretiert werden?
Seit Kriegsbeginn fungiert der Ölmarkt als Seismograf der Krise. Zu Jahresbeginn gingen viele Marktteilnehmer von einem leicht überversorgten Ölmarkt aus. Mit ca. 60 US-Dollar pro Barrel Öl der Sorte Brent lag der Ölpreis auf dem niedrigsten Niveau seit 2021. Als sich die Anzeichen für eine mögliche militärische Eskalation verdichteten, baute der Ölpreis schrittweise in den Februar hinein eine politische Risikoprämie von etwa 10 Dollar auf. Auf dem Höhepunkt des militärischen Konflikts schoss er in der Spitze auf fast 120 Dollar, fiel zwischenzeitlich auf 90 Dollar und notiert beim Verfassen dieses Textes wieder oberhalb von 105 Dollar. Auch die Terminpreise haben nachgezogen: Für das Frühjahr 2027 stieg der Terminkurs von 60 Dollar zeitweise bis 85 Dollar und liegt aktuell um 80 Dollar. Die Ölmärkte preisen also schrittweise länger anhaltende Angebotsrisiken ein. Dies scheint folgerichtig, schreiben die Allianz Global Strategen. Je länger die Meerenge von Hormuz faktisch unpassierbar bleibt, je mehr Ölangebot fehlt unwiederbringlich auf dem Weltmarkt.
Die mit steigenden Energiepreisen einhergehenden Inflationssorgen haben sich bei den Renditen der Staatsanleihen bemerkbar gemacht. Hier gab es in kurzer Zeit spürbare Renditeanstiege. In den USA legten die Renditen zweijähriger „Treasuries“ (Staatsanleihen) um rund 30 Basispunkte zu, zehnjährige um etwa 15 Basispunkte.
Bei den Währungen hat der US-Dollar als klassischer sicherer Hafen zuletzt wieder an Strahlkraft verloren – ein Hinweis darauf, dass der Markt die Vorteile der Vereinigten Staaten bei der Energieversorgung geringer einschätzt oder Chancen in anderen Regionen erneut stärker gewichtet.
Zuversicht oder Sorglosigkeit?
Für den Optimismus der Aktien- und Kreditmärkte sprechen mehrere Punkte. Die US-Wirtschaft zeigt sich bisher insgesamt widerstandsfähig, die Lage der Weltwirtschaft lässt sich mit „gut genug“ beschreiben. Die Tatsache, dass die Kredit- und Finanzierungskanäle für Unternehmen offenbleiben, die finanziellen Bedingungen sich kaum verschlechtert haben, senkt alles andere gleichbleibend die Rezessionsrisiken.
Gegen eine allzu sorglose Interpretation sprechen jedoch mittelfristige Risiken. Im Szenario einer monatelang anhaltenden Unterversorgung von Öl und Gas – mit einer langen Blockade der Straße von Hormuz – sehen viele Analysten Ölpreise über 150 Dollar voraus. Dies dürfte über eine erzwungene Drosselung der Energienachfrage Rezessionsrisiken erhöhen, insbesondere für viele energieimportierende Länder in Asien und Europa. Nebenbei würden über fehlende Basischemikalien und (Edel-)Gase enormer Stress auf wichtige Lieferketten ausgeübt, die wiederum preistreibend wirken würden. Inflationsseitig würde die Gefahr von sogenannten Zweitrundeneffekten und Lohn-/Preisspiralen steigen. Historisch gab es nach einem Inflationsschock (wie im Jahr 2022) mehrfach zweite Wellen – ein Risiko, das die Märkte nicht ignorieren sollten.
Fazit Allianz Global Investors:
„Alles wieder gut“ kann also nur gelten, wenn wichtige Bedingungen erfüllt werden können: Eine ausreichend zeitnahe Entspannung der Energieversorgung, ein ausbleibender Wirtschaftsabschwung und anhaltendes Zutrauen in Künstliche Intelligenz dürften wichtige Zutaten für weiterhin steigende Kurse darstellen.
Die konjunkturelle Großwetterlage mit widerstandsfähigem Wachstum und bemerkenswerter Gewinnentwicklung spricht immer noch für eine breite, regional wie sektoral diversifizierte Übergewichtung von Aktien, auch wenn sich die Risikoeinschätzung wie dargestellt jederzeit verschlechtern könnte.
Regional scheint am US-Aktienmarkt derzeit kein Vorbeikommen zu sein. Schwellenländer-Aktien bleiben aus verschiedenen Gründen attraktiv: Im Index stark repräsentierte asiatische Märkte wie Korea und Taiwan profitieren vom KI-Boom, einige lateinamerikanische Märkte durch Öl- und Rohstoffexporte und Osteuropa durch eine starke Entwicklung in Polen und Verbesserungspotential nach der Wahl in Ungarn. Europa ist stärker als andere Regionen vom Iran-Krieg belastet, es bestehen aber weiterhin positive Optionalitäten in Bezug auf Strukturreformen und Fiskalstimulus.
Gerade falls sich die Energiekrise entspannen sollte, dürfte der US-Dollar auf Sicht der nächsten Quartale weiter unter strukturellen Belastungen wie hoher Budgetdefizite und politischer Unsicherheit leiden. Warum nicht insgesamt für etwas weniger Anspannung zumindest im Portfolio sorgen? Dividenden entwickeln sich meist sehr zuverlässig und sorgen, wie unsere Berechnungen zeigen, für einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der Gesamtrendite.

