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KI-Euphorie, Kriege und Inflationsangst

gepostet am vor 1 Stunde

Viele Anleger werden enttäuscht sein, weil die Börsenperspektiven nach wie vor unklar bleiben. Selbst langfristig orientierte Aktienfreunde haben Schwierigkeiten, aus den aktuellen Analysen und Prognosen ein Bild für die zweite Jahreshälfte abzuleiten.

So beschreibt mir Dr. Hans-Jörg Naumer von Allianz Global Investors die aktuelle Börsenlage: Die Kapitalmärkte bewegen sich weiter zwischen KI-Euphorie und Inflationssorgen. Robuste Unternehmensgewinne, milliardenschwere Investitionen in Künstliche Intelligenz und die Hoffnung auf Produktivitätsschübe stützen die Kurse. Gleichzeitig belasten geopolitische Spannungen, hartnäckige Inflation und die Sorge vor einer konjunkturellen Abkühlung die Stimmung. Die nächsten Tagen dürften erneut zeigen, wie belastbar Wirtschaft und Märkte tatsächlich sind.

Ifo-Geschäftsklimaindex gestiegen

Selbst die bekannten und stark beachteten Konjunkturanalysen schaffen keine Klarheit, sondern werden zumindest teilweise unterschiedlich interpretiert. Jüngstes Beispiel ist der in der vergangenen Woche vorgelegte neue Ifo-Geschäftsklimaindex. Danach hat sich die Stimmung unter den deutschen Unternehmen im März und April leicht erholt. Die Unternehmen waren etwas zufriedener mit den laufenden Geschäften. Auch der Blick auf die kommenden Monate fiel weniger pessimistisch aus. Die deutsche Wirtschaft stabilisiert sich vorerst, die Lage bleibt aber fragil.

Im Verarbeitenden Gewerbe (Industrie) hat sich das Geschäftsklima etwas verbessert. Grund dafür waren positivere Urteile zur aktuellen Lage. Die Erwartungen trübten sich hingegen weiter ein. Die Zahl der Neuaufträge ging zurück. Im Dienstleistungssektor hat der Index deutlich zugelegt. Insbesondere die Erwartungen erholten sich nach dem Einbruch in den letzten beiden Monaten. Die Unternehmen bewerteten auch die laufenden Geschäfte etwas besser.

Hormus-Schock treibt die Inflation

Seit der Eskalation im Nahen Osten und der Schließung der Straße von Hormus ist die Inflation im Euroraum zurück: Im April kletterte die Teuerungsrate auf drei Prozent. Das liegt hauptsächlich an den Energiekosten – diese verteuerten sich um 10,9 Prozent, Kraftstoffe sogar um rund 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Spürbar ist das vor allem an der Zapfsäule. Die entscheidende Frage ist nun, ob der Preisdruck sich auch bald beim täglichen Einkauf bemerkbar macht. „Das hängt davon ab, welchen Einfluss die hohen Energiekosten im Lauf des Jahres auf Transport, Lebensmittelverarbeitung und Dienstleistungen haben werden“, erklärt DZ Bank-Analyst Matthias Schupeta. Die sogenannten indirekten Effekte – wenn hohe Energiekosten auf andere Preise durchschlagen – treten zeitverzögert auf. Schon jetzt zeigen aber erste Frühindikatoren, dass die teure Energie weitergereicht werden könnte. „Die Kosten für Düngemittel oder industrielle Rohstoffe zeigen nach oben“, sagt der Volkswirt. Wie stark sich die Inflation festsetzt, hängt laut Schupeta entscheidend davon ab, ob sich der Höhenflug bei den Energiepreisen in den kommenden Wochen und Monaten fortsetzen wird. Trotzdem: Für einen echten Inflationsalarm sei es noch zu früh. Die Kernrate – also ohne Energie und Nahrungsmittel – ist mit 2,2 Prozent weiterhin moderat.

Ölpreisschock kommt mit Wucht an

Einen anderen Schwerpunkt setzen die Deka-Strategen und schreiben: Die Stimmung unter den europäischen Unternehmen hat sich spürbar verschlechtert. Der vorläufige Wert des Gesamteinkaufsmanagerindex (Composite) ist im Mai zurückgegangen. Dahinter steht eine Verschlechterung beim Dienstleisterindex und beim Industrieindex.

In Deutschland und Frankreich haben sich die Gesamtindizes in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Während Deutschland ein kleines Plus verzeichnen konnte, ging es in Frankreich kräftig bergab. Für die Länder, für die keine vorläufigen Daten gemeldet werden, insbesondere Italien und Spanien, ist bei den Dienstleistern mit Rückgängen zu rechnen und in der Industrie ein Plus zu erwarten.

Hohe Energiepreise und hohe Unsicherheit für die Unternehmen kosten Wachstum. Dies zeigen eindrucksvoll die europäischen Einkaufsmanagerindizes bislang für das zweite Quartal 2026 an.

Eurozone rutscht tiefer in die Schwächephase

Differenziert ist auch die Beobachtung von Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank: Die Stimmung der Privatwirtschaft in der Eurozone ist im Mai deutlich eingebrochen – so stark wie seit mehr als zweieinhalb Jahren nicht. Hauptursache sind die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten infolge des Kriegs im Nahen Osten, die vor allem die Nachfrage nach Dienstleistungen belasten. Der von S&P Global ermittelte branchenübergreifende Einkaufsmanagerindex fiel von 48,8 auf 47,5 Punkte und lag damit unter den Erwartungen. Besonders betroffen ist der Dienstleistungssektor, dessen Aktivität so stark zurückging wie seit Februar 2021 nicht mehr. Auch die Auftragseingänge im privaten Sektor brachen deutlich ein, besonders bei Exporten und neuen Geschäften im Servicebereich. Gleichzeitig nahm der Kostendruck weiter zu: Die Input-Preise stiegen so stark wie seit dreieinhalb Jahren nicht mehr, und auch die Verbraucherpreise zogen weiter an.

Auch der Arbeitsmarkt verschlechterte sich erneut: Unternehmen bauten den fünften Monat in Folge Stellen ab, im Dienstleistungssektor sogar erstmals seit Anfang 2021. Zugleich sank das Geschäftsklima auf den niedrigsten Stand seit 32 Monaten. Die Europäische Zentralbank (EZB) ließ die Zinsen bei ihrem letzten Zinsentscheid am 30. April zwar unverändert, aufgrund der gestiegenen Inflationserwartungen sind die Renditen auf deutsche Bundesanleihen aber bereits auf 3,11 Prozent gestiegen – das ist nahe ihrem höchsten Stand seit 2011. Der Markt geht daher aktuell von einer Anhebung des EZB-Leitzinses am 11. Juni aus.

Zu guter Letzt

Auch wenn die täglichen – sehr volatilen – Aktienkurse dies nicht widerspiegeln, so bleibt die Inflation ein Thema, dass die Börsen noch lange beschäftigen wird. Typisch die zusammenfassende Warnung diverser Bankanalysten: Droht im Sommer eine breite Inflationswelle? Ich halte das für möglich.

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